Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe nichts gegen Veganer. Wer freiwillig auf tierische Produkte verzichten will, soll das tun. Ich habe etwas gegen Menschen, die sich deswegen als moralische Autorität aufspielen. Und Jens Hermes, seines Zeichens Chemiedoktorand an der Universität Basel, scheint mir ein solcher zu ein. Selbst ernährt er sich erst seit Mitte Januar vegan. Doch schon acht Monate später möchte er seine KommilitonInnen per Dekret dazu zwingen, es ihm gleich zu tun. Für den frischgebackenen Paulus der Ernährung ist keineswegs Privatsache, was auf den Teller kommt. Denn jeder Bissen Wurst führt auf direktem Weg in die kollektive Verdammnis.

Jens Hermes hat selbstverständlich ein Recht auf seine Meinung und darf diese auch verkünden. Er darf sich im stillen Kämmerchen sogar für einen besseren Menschen halten. Eines darf er aber nicht: Andere für ihre Präferenzen verachten und ihnen seinen eigenen Lebensstil aufdrücken. Denn der Fleischkonsum der Mehrheit fügt weder ihm selbst noch anderen Mitmenschen aktiv Schaden zu. Eine pluralistische, demokratische Gesellschaft muss sich deshalb letztlich an der Maxime “Leben und leben lassen” orientieren. Ansonsten wird behördlichen Einschränkungen für die Mehrheit aufgrund der quasi-religiösen Überzeugungen einer verschwindend kleinen Minderheit Tür und Tor geöffnet. Inquisition und Ancien Régime wurden in unseren Breitengraden schon vor langer Zeit beerdigt, liebe Eiferer. Und das ist auch gut so.

Zum Vergleich: Ein christlicher Mönch verlangt nicht von allen Nicht-Mönchen sexuelle Abstinenz. Ein orthodoxer Jude verlangt nicht den globalen Verzicht auf Schweinefleisch. Ein fanatischer Al Qaida-Anhänger verlangt jedoch vom ganzen Erdball die Konversion zum Islam. Und damit wären wir wieder beim Zusammenhang von Ernährung und Weltanschauung. Mag sein, dass Veganer gesünder leben als Fleischliebhaber. Toleranter sind sie jedenfalls nicht.