Ab und an gewinnt die Neugier. Ich möchte ja darüber informiert sein, was die Mehrheit meiner Mitmenschen umtreibt. Deshalb gestehe ich an dieser Stelle: Auch ich lese 20 Minuten, und zwar gedruckt (sofern ich noch eines finde) und mobil (eher sporadisch).

Trotzdem stehe ich dem Medium – gelinde ausgedrückt – kritisch gegenüber. Die Themenauswahl, Aufbereitung als Stories sowie deren sprachliche Gestaltung lösen bei mir meist nur Kopfschütteln aus. So zum Beispiel der Artikel von Jessica Pfister zu “Polit-Mamis”, über den ich heute per Zufall gestolpert bin.

Schon beim ersten Satz löscht es mir ab, stilistisch wie inhaltlich: “Babyboom im Nationalrat: Gleich zwei Parlamentarierinnen schieben derzeit eine grosse Kugel vor sich her.” Erstens ist mir schleierhaft, wie man als Journalistin dazu kommt, von einem Babyboom zu sprechen, wenn nur zwei Parlamentarierinnen schwanger sind. (Dafür müssten Andrea Geissbühler (SVP) und Tiana Moser (GL) mindestens Fünflinge gebären.) Zweitens ist mir nicht klar, wie man als Frau derart despektierlich über das Thema Schwangerschaft schreiben kann. Ist es mangelndes Sprachbewusstsein? Stutenbissigkeit? Die tragische Verinnerlichung eines von Männern geprägten Diskurses über den weiblichen Körper?

Trotzdem lese ich weiter. Und erfahre, dass die meisten Mütter unter unseren gewählten Vertreterinnen in Bern sich für die Politik und gegen ihre ursprünglichen Berufe entschieden haben. Dass sie als National- oder Ständerätinnen angeblich nur insgesamt drei Monate pro Jahr arbeiten und dafür zwischen CHF 130’000 und CHF 150’000 verdienen. Dass sie zwischen den Sessionen nicht ausschliesslich für ihre Kinder da sein können. Der Artikel suggeriert also, dass unsere Parlamentarierinnen ziemlich viel Geldfür ziemlich viel Freizeit einstreichen – und wirft ihnen obendrein noch vor, dass sie sich nicht zu 100 Prozent um die Kinder kümmern.

Spätestens ab hier Brechreiz. Wann wurde je von einem Mann verlangt, zwischen Hauptberuf und Politik zu wählen, sobald er Vater wurde? Wann wurde je einem Mann vorgeworfen, er sei nicht voll für seine Kinder da? Wann wurde je ein Mann dafür kritisiert, dass er sich für die Tätigkeit entschied, die ihm unter dem Strich am meisten einbrachte und am meisten Befriedigung verschaffte? Abgesehen davon: Bei den Entschädigungen handelt es sich um Durchschnittswerte. Man überlege, wer diese wohl nach oben treibt. Frauen wie Andrea Geissbühler, die als Polizistin mit 50%-Pensum den grossen Reibach macht? Oder eher Männer wie Daniel Jositsch, der als Rechtsanwalt und Ordinarius an der Universität Zürich zusätzlich zu den Mandatsgeldern ungefähr eine Viertelmillion einstreicht?

Mein Fazit: Ein ziemlich unreflektiertes Stück Journalismus, das die wirklich wichtigen gesellschaftlichen Fragen ausklammert. Die wären nämlich durchaus in der Situation angelegt. Schlimm, dass es ausgerechnet von einer Frau kommt.